Ich hatte vor 10 Tagen so das Gefühl, dass jetzt die Zeit reif für einen Blog ist. Einerseits, weil mein Erlebtes, welches ich in der Öffentlichkeit diskutieren will, hier ausführlich erzählt werden kann. Auf Facebook sprengt das jeweils den Rahmen, auf Twitter sowieso. Ich will den Fluch (zum Beispiel sexistische Kackscheisse) dann gern auch ausschreiben können. Darum nun dieser Blog. Aber nicht nur. Ich habe es satt, ständig alle Artikel, welche die recherchefaulen Journalisten in ihren Boulevardblättern über mich produzieren, korrigieren oder dementieren zu müssen. Dann schreibe ich lieber hier was Sache ist und mich bewegt.

 So wie diese Szene, welche sich heute Morgen am Frühstückbuffet des Hotels in Grächen abgespielt hat. Unser letzter Ferientag. Man stelle sich vor: Mein Mann und ich kommen mit den drei Kindern im letzten Moment, kurz bevor das Buffet wieder abgeräumt wird, in den Speisesaal. Ich nehme einen Teller, lege ein Gipfel drauf, der jüngste Sohn zieht an meinem T-Shirt, weil er will, dass ich ihm jetzt eine Portion Nutella besorge. Der Älteste fragt, wo wir sitzen wollen, währenddem die Tochter die Taste für die Heisse Ovi am Automat schon gedrückt hat, bevor sie eine Tasse hingestellt hat. Ich stehe also ziemlich gestresst im Speisesaal und versuche, die Balance zu halten mit den inzwischen drei Tellern, die mir die Kinder zum “gschnell Hebe” anvertrauten.

Da kommt dieser Herr auf mich zu. Einer, welcher mit seiner Familie und den etwas grösseren Kindern stets am Nachbarstisch sass und verstohlen zu uns rüberschaute. Man merkt das ja, wenn einer stets schaut, als ob er Fussballscout wäre und sich Mühe gibt, freundlich auszusehen. Ich merke auch, wenn mich jemand erkennt hat und aus purer Neugier unsere Familie beobachtet. Ganz genau schaut, ob die Familie Spiess glücklich ausschaut. Ob die Kinder Manieren haben. Wie der Umgang so ist. Ob es zwischen Herr und Frau Spiess Gehässigkeiten gibt. Ja, auf jedenfall war das ziemlich offensichtlich, dass dieser Herr sehr interessiert an uns war.

Da kommt er also dahergelaufen, ich noch immer überfordert von der Auswahl und den Wünschen der Kinder, kommt der zu mir und sagt so:

“Frau Spiess, jetzt treten sie endlich zurück!”

Ich: “Wie bitte? Jetzt habe ich Sie nicht verstanden.”

Er: “Zurücktreten! Sie sind doch d Frau Spiess?”

Ich: “Ähm ja, so heisse ich, ich wüsste aber nicht, was Sie mir hier und jetzt zu sagen hätten.”

Er: “Sie können unseren schönen Kanton nicht mehr repräsentieren (Aha, ein Zuger!).”

Ich: “Was jetzt? Repräsentieren? Ich bin eine linke Politikerin, mehr nicht.”

Er: “Ich muss (MUSS! Muahahahaha!) immer von Ihnen im Blick lesen. Seien sie doch mal still!”

Ich: “Denken sie kurz nach. Würde man mit ihrer Frau oder Ihrer Tochter dasselbe wie mit mir machen, würden sie dann auch sagen, sie sollen ruhig sein?

Er: “Neinnein, aber sie sollen jetzt bitte einfach mal nichts mehr sagen. Zurücktreten! Sie werden ja nie und nimmer wiedergewählt!”

Ich: “Lassen Sie das mal meine Sorge sein (denn vielleicht habe ich ja gar keinen Bock auf weitere 4 Jahre in DIESEM Parlament), aber ich wüsste nicht, warum ich vorzeitig zurücktreten sollte.”

Er: “Weil sie unserem Kanton nur schaden, jawoll!”

Ich: “Welche Parteien wählen Sie denn so?”

Er: “SVP!”

Ich: “OK. Ich wünsche Ihnen ein schönes Leben. Und grüsse an Ihre Frau und Ihre Töchter. Sie tun mir leid.”

Und ich zog weiter, noch immer 3 Teller jonglierend, an unseren Tisch. Währenddem der Typ nochmals das Unterliibli wechseln gehen musste. So hat er sich also eine ganze Woche überlegt, wie er das “Zurücktreten! Sofort!!” formulieren könnte, um dann am letzten Tag mit Schweissperlen auf der Stirn vor mir zu stehen.

Nebstdem es mir Spass machte, diesen Dialog nochmal rekonstruiert zu haben, will ich damit sagen: ich bin durchaus empfänglich für konstruktive Kritik. Nur, einer, der niemals im Leben mich mit meinen guten und schlechten Eigenschaften wählen würde, weil er nämlich nur nach Parteibüechli an der Urne entscheidet, hat mir nichts, N-I-C-H-T-S zu sagen.

Wer einen konstruktiven Dialog mit einer Politikerin sucht, kann nicht auf apodiktische Weise mt einer unbegründeten Rücktrittsforderung herausplatzen.

Letzten Herbst, kurz vor den Zuger Regierungsratswahlen hat eine Allianz aus Kantonsrät_innen der FDP, CVP, GLP und (Achtung…:) SP (!) meinen Rücktritt gefordert. Ich könne einfach nicht ruhig sein und mache den Kanton Zug schlecht (ganz die Worte des untersetzten Zugers in Grächen).

Kein Funke Reflektion.

Diese Forderung kam im Form eines offenen Briefes. Genau in einer Zeit, in welcher es absolut ruhig um meine nervige Person gewesen war.

Diese Kantonsrät_innen fordern von mir, nicht über das Geschehene zu sprechen, und generieren aus dieser Botschaft wieder die nächste Schlagzeile.

Diese Kantonsrät_innen beklagen sich, dass so viele Journalisten wegen mir im Saal sind, weigern sich aber, die Presse an solchen Tagen mit einer Zweidrittelsmehrheit aus dem Saal zu schmeissen.

Diese Kantonsrät_innen beklagen sich über meine Mediengeilheit (WTF!), was sie lautstark und mit ernster Mine in die nächste laufende Kamera jammern.

Kantonsrätinnen schimpfen mich Flittchen und nennen mich Mädchen, wenn sie mir was sagen müssen.

Kantonsräte geben anonym gegenüber Boulevardjournalisten an, mit mir schon im Bett gewesen zu sein.

Falls ihr, liebe anonyme Kantonsräte, dies jetzt liest, bitte meldet euch. Ich würde euch gern kennenlernen. Denn ihr seid ja bestimmt nicht diese, die mich in der Zeit vor der Landammannnfeier vollgeschleimt und angebaggert habt, oder? Nein, bestimmt nicht…

Ich hasse diese verlogene Zuger Doppelmoral. Sie ist sexistische Kackscheisse.