Hater (ein offener Brief)

12646983_10208015518323245_1238360963323999337_nBelassen wir es beim Sie. Wir kennen uns nicht. Die wenigsten Menschen kennen mich. Sie haben viel über mich und meine Vergangenheit in der Zeitung oder in den Online-Medien gelesen. Über die Landammannfeier 2014. Sie wissen ganz genau, was sich damals abgespielt hat. Im Gegensatz zu Ihnen weiss ich es bis heute nicht.

Die gängige Form im Titel kann ich so nicht formulieren: “Sehr geehrter Hater” oder “Lieber Hater”? Nein. Wo die Würde des Menschen im Grundsatz unantastbar ist, haben gerade Sie sich dazu entschieden, meine nicht zu wahren. Ich möchte Ihnen dies nicht gleich tun, doch es widerstrebt meinem Naturell, Sie – wenn auch nur in der Form – zu ehren, oder Ihnen gar zuzuschreiben, Sie seien lieb.

Hater, ich möchte Sie einladen. Nein, nicht, um sich auszusprechen. Ich lade Sie ein, Ihre Sicht der Dinge mit meiner Perspektive zu ergänzen.

Wenn Sie Ihr geschriebenes Wort gegen mich richten, liest es sich so, als ob Sie mich kennen würden. Sie scheinen mir glaubhaft darstellen zu wollen, dass Sie mir irgendwo begegnet sind. Sie scheinen nicht zu wissen wo, aber sie meinen, es müsse “früher” gewesen sein. In diesem “früher” seien Sie mit mir intim geworden, was Sie gern im ganz grossen Stil Gleichgesinnten erzählen. Dennoch wissen Sie ganz präzise, dass ich unfickbar bin: Sie nennen mich hässlich. Sie kennen alle meine Präferenzen, restlos, und kommunizieren diese unverblümt.

Es sind so viele Facebooknachrichten und Tweets. Tausende. Sie verfassten und versenden ein paar hundert Briefe per Post an mich, wobei diese fast alle anonym unterzeichnet sind. So sind die letzten 120 ungeöffnet in einem öffentlichen Abfalleimer archiviert worden. Wenn ich allein an das Porto denke, schmerzt mein Sinn für Verhältnismässigkeit.

Nett sind sie nicht, die Botschaften. Sollte ich es neutral formulieren, würde ich schreiben, dass sie entlarvend sind. Dazu später mehr.

Ich schätze sachliche Diskussionen. Aufgrund meiner politischen Arbeit und meiner direkten Art stehe ich häufig Menschen gegenüber, die anderer Meinung sind als ich. Das fordert mich positiv heraus. Ich schätze dabei eine gepflegte Ausdrucksweise, eine differenzierte Wortwahl. Ausdrücke wie “Linke Fotze“ und ”Verfickte Hure“ erscheinen mir in erster Linie als unreif und lassen in mir die Vermutung aufkommen, dass Sie mich nicht konstruktiv kritisieren, sondern einfach nur verletzen wollen. Gepaart mit einer Schreibweise, welche aus jeglichem Rahmen der Rechtschreibung fällt, stellt sich mir die Frage, was Sie mit beispielsweise acht Fragezeichen, Grossbuchstaben und einer roten Schrift ausdrücken wollen. Ich kann mir lediglich vorstellen, es macht das Geschriebene auf eben diese Art wichtig für Sie. Für mich unterstreicht es die Respektlosigkeit, welche Sie mir entgegenzubringen bereit sind. Mir ist bewusst, ich werde nie erfahren, gegen was oder gegen wen sich Ihre Wut eigentlich richtet. Ich habe verinnerlicht, diese nicht persönlich zu nehmen.

Sie sehen, ich denke über ihr Verhalten nach. Und genau dieses Verhalten, nicht Ihre Wut und auch nicht Ihre Person, einzig Ihr Verhalten verurteile ich und verstehe mich dagegen zu wehren.

Ich weiss nicht gerade viel über Sie. Sie arbeiten im Strassenbau. Manchmal sind Sie Berufsschullehrer oder Dr. lic. phil. Sie sind auch schon mal im Ruhestand. Sie decken ein wirklich breites gesellschaftliches Spektrum ab. Was sie meistens alle gemeinsam haben, ist Ihr Geschlecht. Sie sind männlich. Selten machen Ihre weiblichen Parteimitglieder auch mit bei der Hetze, aber ich kann hier klar über eine Minderheit berichten. Bei den Frauen ist der Grund für die Nachricht nicht sexueller Natur, dies schafft eine ganz andere Basis. Frauen schreiben mir jeweils, ich solle still sein und mich um die Kinder kümmern und gefälligst meinem Mann was Schönes kochen zum Abendessen. Ich hätte nichts in der Politik und in der Öffentlichkeit verloren. Ich nehme es zur Kenntnis.

Sie schreiben mich mit Ihrem persönlichen Profil an. So kann ich sehen, wo Sie arbeiten. Konfrontiere ich ihren Arbeitgeber mit Ihren ausserberuflichen Tätigkeiten im virtuellen Leben, äussern Sie, ihr Profil sei gehackt worden, sie hätten einen solchen Text nicht verfasst. Das meinte ich ganz oben im Text mit „entlarvend“. Und dies kommt gehäuft vor.

Meistens überlegen Sie sich nicht besonders viel dabei, wenn Sie mich auf Social Media beschimpfen. Die Nachrichten, welche Sie absetzen, die Facebookeinträge und Tweets, die sind gespeichert, selbst wenn Sie sie löschen.

Als ich klein war, sassen die Proleten am Stammtisch und zogen über die Hexen, respektive die selbstbewussten Frauen, her. Die Frauen waren nicht dabei, weil sich ein solcher Mann nicht gewagt hätte, die Ehre einer Frau so direkt und unmittelbar zu verletzen. Der Rechtsweg war ausgeschlossen. Aber heute, heute ist die Frau vernetzt. Sie hat alle Ehrverletzungen schriftlich, unverblümt und unlöschbar.

Verbale Entgleisungen sind verhältnismässig teuer, wenn man bedenkt, wie schnell sie doch ins Internet getippt sind. Eine „Schlampe“ und ein „Luder“ kosteten einen jungen Mann kürzlich CHF 1’150.— (davon CHF 600.— bedingt). Ein anderer Mann nannte mich „verlogene linke Säuferin, schwer psychisch krank“. Das kostete dann CHF 3’900.— (davon CHF 2’600.— bedingt).

Das schmerzt doch.

Manchmal einige ich mich mit Ihnen in Anwesenheit des Staatsanwaltes auf einen Vergleich. Es wird dann nicht zwingend günstiger für Sie. Sie können sich einzig die Anzeige mit Strafregistereintrag sparen. Was Ihnen aber nicht erspart bleibt, ist der Moment, in welchem Sie am Tisch vis-à-vis sitzen, ganz kleinlaut werden und schwitzend nach Worten ringend eine Entschuldigung von sich geben.

Die Entschädigung, welche Sie in diesen Situationen schuldig werden, spende ich zum grossen Teil. Ein Mann, welcher mich in mehr als 40 Mails mit gefälschten Absendern beleidigt hat, musste eine Summe von CHF 10’000.— überweisen. Eine Frauenorganisation, eine Musikband, mein Anwalt und unsere Familienferien-Kasse konnten das Geld dankend entgegennehmen.

Im Rudel fühlen Sie sich pudelwohl. Einfach draufhauen ist einfacher als Selbsterkenntnis. Es trifft nicht nur mich. Der typische virtuelle Hau-den-Lukas ist jung und weiblich.

So, wie verbleiben wir? Wäre es möglich, dass Sie mich jetzt in Ruhe lassen und Sie mir den Titel aus dem Vorjahr als meistgegoogelte Frau des Landes in diesem Jahr ersparen könnten? Vielleicht stellen Sie zwischendurch das WLAN aus und verlassen Ihre Wohnung, echli an die frische Luft. Vielleicht gehen Sie zum Stammtisch im Dorf und trinken Bier mit Gleichgesinnten. Und vielleicht können Sie ganz anständig bleiben, sachlich argumentieren und keine Frau beleidigen (und bitte nicht die Serviceangestellte begrapschen). Ja, ich kann mir vorstellen, dass das jetzt nicht einfach von heute auf morgen so funktioniert. Aber danke, dass Sie es zumindest mal versuchen.

Und nun ein paar wenige Worte zu mir.

Wissen Sie, während Sie ihrer Wut freien Lauf lassen, plaudere ich im Laden an der Kasse, zeige meinem Kind, wie es die Schuhe binden kann, rede mit der Nachbarin, sehe in die Wolken, sitze im Rat, überlege mir Lösungen zu politischen Fragen, verfasse Texte. Denn ich bin: Mami, Kantonsrätin, Managerin, Autorin, gute Fee, Tochter, Schwiegertochter, Ehefrau, Nervensäge, hartnäckig, nachhaltig, ich stehe in der Öffentlichkeit und vieles mehr.

Und dann lese ich Ihre Zeilen. Bei all dem, was ich bin. Was sie über mich zu wissen glauben, trifft nicht zu. Erst steht die Zeit still. Dann machen mich die Zeilen in roter Schrift, die Fragezeichen in mehrfacher Ausführung und die penetrante Grossschreibung wütend.

Wir sprechen ja gerade über Wut. Als ich mich hingesetzt hatte, um diesen Text zu schreiben, entsprang meiner Feder für wahr ein wütender Text. Dann ging mir die Gleichung auf, dass wir Feuer mit Feuer nicht löschen werden können. Was zurückblieb war sogar ein Verständnis dafür, dass Sie so wütend sind, dass der Frust über die eigene Situation sich auf einen Menschen, auf mich, überträgt.

Und doch bringt mir diese Erfahrung die Erkenntnis, ein solches Verhalten nicht billigen zu können und zu wollen. Kein Geld der Welt kann mir die Zeit, die ich mit Ihnen in dieser Form gezwungen war aufzuwenden, zurückerstatten. Kein Geld der Welt macht den in Worte gepressten Hass ungeschehen.

Was zu guter Letzt zurückbleibt, Hater, ist die Frage, wie wäre Ihre Botschaft an mich, wäre ich ein Mann?

Leben Sie wohl.

Jolanda Spiess-Hegglin

28 Gedanken zu „Hater (ein offener Brief)

  1. Guten Abend Frau Spiess.
    Nachdem ich das Interview von Ihrem Mann in der Aargauer Zeitung gelesen habe, hatte ich das Bedürfnis mich bei Ihnen zu melden. So bin ich auf diese Seite gelangt.
    Nun warum ich mich bei Ihnen melden wollte:
    Wissen Sie was? Ich bewundere Sie und Ihren Mann zutiefst! Die Aussagen Ihres Mannes haben mich stark beeindruckt, dieses unerschütterliche Vertrauen und diese innere Stärke. Wow!
    Zweites Wow-Erlebnis:
    Ihr oben stehender offener Brief! Sie verfügen über eine schier unendliche mentale Stärke und ich möchte mich bei Ihnen im Namen von uns Frauen bedanken. Danke, dass Sie sich wehren. Danke, dass Sie unsere Würde verteidigen. Danke, dass Sie aufdecken, was andere zudecken oder verwischen wollen. Danke, dass Sie anderen Mut machen. Danke, dass Sie die ganzen Mühen auf sich nehmen und Menschen ohne jegliche Ansätze von Anstand vor Gericht bringen, so helfen Sie unserer gesamten Gesellschaft. Vielen Dank für diesen in perfektem Deutsch gehaltenen Brief, er zeugt von Intelligenz.
    Für mich ist auch die Vorgehensweise und die Macht der Medien, wie Sie es in Ihrem Fall erlebt haben sehr erschreckend. Ich danke Ihnen, dass Sie auch dies so offen darlegen. Sie gewähren damit vielen Menschen einen „Blick hinter die Kulissen“, welcher sicher nicht nur mich sehr kritisch stimmt gegenüber den Medien.
    Frau und Herr Spiess, Sie sind sehr bewundernswert! Ich wünsche Ihnen, dass Sie noch viel Schönes gemeinsam erleben dürfen. Ich wünsche Ihnen auch viel Freude an Ihren Kindern, wünsche Ihnen eine gute Gesundheit und viel Erfolg im Beruf und in der Politik.
    Herzliche Grüsse!

  2. Besser könnten sie es nicht auf den Punkt bringen. Ich wünsche ihnen und ihrer Familie alles Gute für die Zukunft. LG Pius

  3. Toll geschrieben!

    Ich bin jung, 27 Jahre alt, und ich finde es erschreckend wie gewisse Männer auch in meinem Alter über andere Frauen reden und denken. Eine für die Küche, für die Wäsche und um nach den Kindern zu schauen würde reichen. Natürlich auch für Sex. Tja, die haben wohl noch nicht gemerkt, dass die meisten Frauen selbstbestimmt, frei und emanzipiert sind. Diese Männer (selbstverständlich nicht alle) sind es noch nicht.

    Danke, dass du für unsere Werte kämpfst! In diesem Sinne wünsche ich dir weiterhin einen tollen Weltfrauentag!

  4. Leider ist es wahrscheinlich so wie in ähnlichen Fällen: Diejenigen, die’s angeht, lesen den Artikel nicht, sei es, weil sie für sie unangenehmen Fakten aus dem Weg gehen, sei es, weil sie zu dumm sind. Trotzdem: Sehr gut geschrieben, merci!

  5. Genial geschrieben. Ich wünsche Ihnen und ihrer ganzen Familie ganz viel Kraft. Von starken Frauen haben die schwachen Männer Angst…

  6. Hallo Jolanda
    Ein wirklich treffender Appell und ein sehr gut geschriebener Brief obendrein. Dir und mir ist klar, dass er beim gemeinten Adressaten kaum etwas zu bewegen vermag. Aber – und das ist viel wichtiger – er und deine Geschichte(n) öffnen viele andere, manchmal noch zugekniffene Augen in einer Zeit, in der Werte, Menschenwürde und gegenseitiger Respekt ein Fremdwort geworden sind.

    Bleibt stark und bleib offen, kämpferisch und direkt. Ich lese deine Meinungen, Erzählungen und ehrlichen Worte heute wie gestern mit Freude und Interesse. Nicht darüber, dass du eine unnötige, ehrverletzende und von altem Machogehabe geprägte Kampagne mit Bravour meisterst. Sondern darüber, dass du deine Stimme erhebst und dir nie zu schade bist, die Wahrheit beim Namen zu nennen.

    Ich wünsche dir ruhige Momente ohne Hass, Intrigen und Missgunst. Denk daran, jeder Hater und jede Beleidigung im Nachgang dieser durch die Medien getriebenen Demütigung ist Bestätigung genug, dass du nicht aufhören solltest.

    Bleibt wie du bist. Und ja, auch ich kenne dich nicht. Nicht mal annähernd. Aber ich habe eine klare Meinung zu dieser Geschichte..

    Lg
    R.

  7. Ich finde es super, dass Sie sich wehren, das machen viel zu wenig Frauen. Egal was passiert ist, niemand hat das Recht Sie so zu beleidigen. „Ruhig sein“ wird erwartet, auf keinen Fall darüber sprechen, wieso? Weil wir Frauen sind und uns dies gefallen lassen müssen oder weil wir selbst daran schuld sind? Machen Sie weiter so, wir brauchen solche mutige und starke Frauen. Ich bewundere Ihre Stärke in einer solchen Situation.

  8. Liebe Frau Spiess-Hegglin, liebe Jolanda

    Als Erstes: Ich bin eine Unterstützerin :-).

    Untenstehenden Text wollte ich auf „Blick am Abend“ posten als Leserbrief, als Reaktion auf den gestrigen seltsamen Beitrag über Ihren Film. Dort muss man aber anscheinend den vollen Namen und den Wohnort angeben, und das will ich nicht. Bin kein feiger Mensch, aber auf Hassbriefe und Morddrohungen kann ich verzichten. Die gibts ja schon, wenn man einem SVP-Politiker eine sachliche Frage zu seinem Bericht stellt (keine weiteren Details dem Landesfrieden zuliebe ;-). Ich bitte Sie um Verzeihung für meine Schwäche diesbezüglich, das ich sie nicht öffentlich in Schutz nehme. Daher schreibe ich Sie direkt an. Übrigens ein seltsamer Leserschutz ist das von unseren Medien. Sie haben ja die echten Namen im Hintergrund für eine Strafverfolgung, wenn jemand Illegales postet. Egal, hier meine Botschaft, die Sie verwenden dürfen, wo und wie Sie möchten, anonym oder mit N. Brunner.

    Lieber Blick
    Gestern erschien Ihr Artikel zum Film von Jolanda Spiess-Hegglin.

    Eigentlich wollte ich schon lange diesen Fall kommentieren, daher danke.
    „Keiner weiss, was genau passiert ist“, und dennoch wird sie landesweit als die einzig Schuldige verunglimpft. Seit wann sind wir SchweizerInnen wieder beim öffentlichen Bespucken oder Schlimmerem von Fremdgehern (besonders Frauen) angelangt?
    Und woher diese Selbstgerechtigkeit? Frau S.-H. und Herr H. sind erwiesenermassen nicht die einzigen zwei Fremdgehenden in diesem Land (zumindest Küsse gab es ja), was man angesichts des Aufschreis der Gerechten jedoch vermuten würde. Falls Sie zweifeln: Angeblich ist etwa jedes 10. Kind hier ein Kuckuckskind.

    Das Wichtigste an diesem Fall ist: Frau S.H. hat schon länger offengelegt, dass sie nur unter grossen Schmerzen Sex haben kann (das könne sie auch beweisen). Welche (geistig einigermassen normale) Frau würde freiwillig unter grossen Schmerzen Sex haben, noch dazu bei einem One-Night-Stand? Den macht man ja per Definition aus Spass.

    Das ist für mich die einzig relevante Frage, aber niemand scheint die in der Öffentlichkeit je aufgeworfen zu haben. Folgen Sie mir?

    Dann ist da auch noch ein ominöser zweiter Mann, ein Kollege von Herrn H., der auch bei den beiden war … da läuft es mir kalt den Rücken runter. Keine Kommentare dazu. Denken Sie in der Richtung von weltweit beliebten männliche Horror-Aktivitäten wie Gang-Bang und Taharrusch gamea (gamea von Englisch „Game“). Natürlich unterstelle ich keine Straftat, es ist einfach seltsam, dass es zum Rummachen mit einer Frau zwei braucht, einen der mitgeht.

    Schliesslich ist es seltsam – wenn natürlich auch nicht unmöglich, wenn Frau S.H. unbedingt Herrn H. Ruf zerstören wollte – dass eine dreifache, verheiratete Mutter einen freiwilligen Seitensprung anzeigt, besonders, wenn sie davon ausgehen kann, dass zumindest diese Vergewaltigung die Schweiz interessiert. Schon nur wegen der Kinder, die in der Schule vermutlich aufgezogen werden, hätte sich das niemals gelohnt, wäre es nur eine fiese Verleumdung.

    Wenn Sie das nicht überzeugt: Es erschreckt mich zutiefst, dass eindeutig das Signal ausgesendet wird – an Menschen beiden Geschlechts – , wenn ihr es wagt, einen sexuellen Übergriff zu melden, werdet ihr fertiggemacht. Lesen Sie die Polizeistatistiken: Ein Bruchteil wird angezeigt, ein winziger Teil der Täter wird verurteilt. Eigentlich lohnt es sich nicht für das Opfer, sehr wohl aber für den Täter.
    Es ist tieftraurig: In der Schweiz „lohnt“ es sich, eine Frau zu vergewaltigen (Strafe: höchst unwahrscheinlich. Wenn, dann ein paar Monate, oft bedingt. Ausser, Sie haben sie gleichzeitig noch schwer verletzt). Berauben (also ohne sie sexuell anzurühren) Sie sie aber ja nicht: Dafür kriegen Sie bis zu 10 Jahre.

    Nochmals, wer glaubt, eine Frau, die vor Schmerzen schreit, habe Spass am Sex, sollte sich beraten lassen (um hier nichts Anstössiges zu schreiben).

    p.S. Ich bin eine Frau und der letzte Teil ist als ironisch zu verstehen!

    Plädoyer für die Menschlichkeit.

    1. Liebe Frau Spiess-Hegglin
      Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich ihre Geschichte nur am Rande verfolgt habe, da ich weder 20 Minuten noch Blick oder dergleichen lese. Ausserdem halte ich mich auch nicht oft in den sozialen Medien auf. Ich habe aber die Sendung Reporter auf SRF gesehen und der Beitrag hat mich geschockt. Dieses demonstrative Wegschauen und die klaren Kommentare von wegen „sie soll doch einfach Ruhe geben“………nicht ausschliesslich, aber doch auch von Frauen hat mir die Sprache verschlagen. Ja klar, das ist das Verhalten, dass man von einer Frau im Jahr 2016 erwartet! Bloss der Harmonie zuliebe nichts sagen, alles unter den Tisch kehren, zurück zur Normalität. Obwohl offensichtlich ist, das etwas vorgefallen ist, was nicht vorfallen darf und soll und was nicht normal ist! Ich bewundere Sie für ihren Mut und ihr Rückgrat! Auch wenn Sie viel erleiden mussten, sind sie doch ein Vorbild für Frauen oder Mädchen, denen ähnliches widerfährt, nicht einfach still zu sein. Auch wenn im Moment die involvierten Herren unbeschadet aus der Geschichte hervorgehen, bin ich überzeugt, der Wahrheit entkommt man nicht. In der Hoffnung, dass Sie Genugtuung und Gerechtigkeit erleben dürfen grüsse ich Sie herzlich und wünsche Ihnen weiterhin die Kraft und das Rückgrat immer wieder aufzustehen.
      S.G

  9. Frau Hegglin, ich bin politisch keineswegs mit Ihnen übereinstimmend – und das ist auch gut so. Aber ich bewundere ihre Kraft, sich gegen diese unverschämten Äusserungen zu wehren. Offen gesagt war ich entsetzt, als ich den SRF-Beitrag gesehen habe. Ich erwartete von unseren Mitbürgern schon etwas mehr Respekt und Anstand!

    Ich hoffe für Sie, dass Ruhe einkehrt.

  10. „Meist sind sie jung und weiblich!“ Ja, das ist wohl wahr, auch ich wurde Opfer solcher Feiglinge, die sich hinter Fakeprofilen verstecken, doch nie in dem Ausmass, wie es bei Dir war. Wäre es ein Mann gewesen, wie Du bereits selber anmerkst, würden die Dinge anders aussehen, das kann ich so nur unterschreiben.

    Ich kann solche Leute nicht für voll nehmen und auch die Beleidigungen nahm ich nie persönlich. Die kognitiv nicht so gesegneten Leute brauchen einfach ein Ventil zum Druck abbauen. Wer sind die schon, um irgendwen verurteilen und beschimpfen zu können? Mit welchem Recht? Und wenn sie dann vor einem stehen, stottern sie wie kleine Jungs, lol.

    Ich finde das toll, wie Du das nun handhabst und danke für den tollen Artikel!

  11. Recht haben und Recht bekommen sind zwei paar Schuhe. Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Wäre ich von meiner Unschuld überzeugt, würde ich auch bis zum letzten Atemzug kämpfen. Jeder kann seine Meinung äussern, jedoch ohne persönlich oder ausfällig zu werden. Ganz ehrlich, Frau Hegglin, Sie tun mir leid. Sie werden Ihr Leben lang unter diesem Erlebnis leiden.

  12. Sehr geehrte Frau Hegglin, weder kenne ich sie noch ihren Ehemann persönlich, noch hat mich bis heute ihr schicksal wirklich interessiert. Auch ihr schreiben habe ich nicht wirklich gelesen – entschuldigen sie meine gleichgültigkeit. Aber dIe schlammschlacht, die ihr „Fall“ ausgelöst hat und ihre Beziehung belastet, verdient niemand, egal, was sie auch immer gemacht, nicht gemacht, verpasst, unterlassen oder was auch immer getan haben. Ich wünsche euch beiden viel Kraft, euch diesem dreck zu entziehen. Wenn ich beitragen kann, dass sich so eine sauerei nicht wiederholt (ich bin nicht wirklich zuversichtlich…), lassen Sie es mich wissen. Ich würde gerne einen Beitrag leisten.
    Beste Grüsse
    Charles Neuhaus (ich darf auch namentlich erwähnt werden…?)

  13. Liebe Jolanda, danke für diese berührenden Worte. Wir sind uns noch nie begegnet und doch fühle ich mich dir sehr verbunden. Ich kenne deine Geschichte aus der WOZ und aus deiner eigenen Erzählung auf Blogs und deine Erfahrungen und dein Leid machen mich betroffen und wütend. Ich möchte dir am liebsten den Rücken stärken und dazu beitragen, dass du einen Safe Space findest, der dich vor dem Hass beschützt. Sag also bescheid, wenn ich etwas für dich tun kann. Ich wünsche dir, dass du dich frei im Netz bewegen kannst, ohne dass du von den Hatern belästigt wirst. Ich wünsche dir, dass du immer, wenn dir danach ist, deine Stimme erheben kannst und du keine Angst davor zu haben brauchst, dass die Hater dich mit ihrem üblen Hass überschütten. Ich wünsche uns allen eine Gesprächskultur im Netz und außerhalb, bei der wir uns mit Respekt und liebevollem Umgang als Menschen auf gleicher Augenhöhe begegnen und austauschen.

  14. Super geschrieben und eine tolle Reaktion – der Text an sich und den Inhalt, den du schreibst!
    Bleib wie du bist und bleib stark.
    Falls möglich, kannst du die Haters-Mail auch als Kompliment aufnehmen. Diese Menschen haben nix im Leben ausser Eifersucht, Hass etc. Aus irgendeinem Grund bist du für sie eine Provokation. Nur wer was ist und was starkes darstellt, das nicht ins Weltbild des Gegenüber passt, provoziert das Gegenüber. Also Chapeau!

    LG

  15. Jolanda, toll geschrieben. Der Text ist auch für Leute verständlich, auf deren Tastaturbelegung CapsLock festklemmt, das Ausrufezeichen auf mehreren Tasten steht, die Hass statt Liebe praktizieren und von Empathie, Anstand und Achtung vor dem Mitmenschen noch nie was gehört haben. Bleib stark und standfest – einfach so wie du bist (obwohl ich dich ja auch noch nie persönlich kennen lernen durfte).

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