Ich habe es wieder getan. Seit Anfang Woche mache ich Detox. Ich weiss, es klingt so wahnsinnig hip, Sie denken jetzt an Hollywood und Lifestylekorsett. Nichts da. Bei mir ist das viel mehr als Ernährungslehre und Körperentgiftung. Bei mir ist das irgendwie universeller. Ich befreie mich in dieser Woche auch von allem, was mich nervt und seit ewig belastet.

Das Programm ist hart. Es dauert neun Tage, wobei die ersten beiden Tage die schlimmsten sind. Schlimmer wird es nicht mehr, das ist nicht möglich, aber immerhin, ich habe niemanden umgebracht. Höchstens ein bisschen angeschrien. Zwei Tage ohne bissfeste Nahrung. Nur Wasser, ein – nett formuliert – unappetitlicher Aloe-Vera-Saft und ein Shake pro Tag, welcher mich wegen des künstlichen Vanillegeschmacks gedanklich jedes Mal in meine Kindheit zurückhaut, auf den alten Epa-Platz, Mitte der Achtziger, gegenüber dem Kaufhaus Nordmann, wo es nach dem Einkauf mit Mami für mich und meine Geschwister diese Vanille-Soft-Ice gab, welche eben genau so schmeckten wie dieses Detox-Getränk. Danach fuhren wir mit dem orangen ZVB-Bus über die alte Lorzentobelbrücke wieder zurück ins Dorf.

Zurück zur Gegenwart. Ich gewähre Ihnen nun einen Einblick an unseren Familientisch. Gestern Abend. Die drei Kinder verzehren schmatzend ihre Wienerli mit Ketchup und Mayo, dazu Eierteigwaren mit Rahm. Reto, mein Mann, welcher sich etwas nervt, weil er diese Woche nicht ausgedehnt kochen darf, hat sich einen Lachs gekauft, sitzt vor einem Mise en Place von Zwiebeln, Kapern, Toastbrot und trinkt eine kleine Flasche Dezaley dazu. Allein.

Nett, dass er nur die kleine gekauft hat. Ich sitze vor meinem Aloe-Vera-Saft und bereue mein Vorhaben gerade wieder.

Andere rennen einen Halbmarathon, ich mache Detox

Detox ist die Härte, klar. Ich wollte nun eigentlich zum Punkt kommen mit der Erklärung, warum ich mir das antue. Leider fehlt mir die Antwort. Es erfordert eine absolute Beherrschung, eine Ausdauer. Und da ich diese – zumindest bei nicht-feministischen Anliegen – in den eigenen Wänden sonst nicht aufbringe, sind für mich diese Tage die absolute Herausforderung. Andere rennen einen Halbmarathon, ich mache Detox. Ich mache das nicht für die Figur (ich weiss nicht mal, wie schwer ich bin), sondern für den Geist. In dieser Zeit der Beherrschung kann ich mich auf das Wesentliche konzentrieren. Plötzlich sehe ich, was wichtig ist und was nicht. Und was noch gemacht werden müsste.

Die Vorstellung, alles Beschwerliche und Giftige zu entfernen, ist eine gute Vorstellung. So gesehen ist Detox schon fast eine Lebenshaltung. Angefangen beim Entrümpeln der Kinderzimmer – vor allem jenes der Tochter, welche gern ausgedehnt bastelt. Entsorgen der ausgedorrten Sonnenblumen auf dem Balkon oder Kündigen des Abos einer Zeitschrift, welche man seit sechs Monaten lediglich auf einen Stapel legt. Solche Dinge kommen mir in diesen Tagen in den Sinn.

Ich entgifte auch gern mal in meinem Bekanntenkreis. Entfreunde Facebook-Bekanntschaften, welche mich nerven. Kommen sie dann frech, blockiere ich sie ganz ungeniert. Ich lösche gern Kontakte auf meinem Telefon, ehemalige Parteifreunde oder sonstige Politiker und mühsame Menschen, sie existieren hier bei mir nicht mehr. Das tut gut. Auch hier, völlig ungeniert.

Weg mit den Erinnerungen, auf ewig

Sie sehen, auch wenn ich mich fast jede Minute frage, warum ich mir das nun eine Woche antue, schafft die Situation so viel Platz für Neues, Wichtiges. Und schafft Energie, Dinge zu tun, welche man sich drei Jahre nicht getraute, weil man Angst vor schlimmen Gefühlen hatte.

Ich werde jetzt einen blauen Kehrichtsack aus dem Schrank nehmen und damit in die Tiefgarage gehen. Dann nehme ich den von der Spurensicherung noch immer verschlossenen Sack der Polizei hervor, welchen ich hinter den aufgereihten Autoreifen versteckt habe. Es ist der Sack mit den Kleidern, welche ich am 20. Dezember 2014 getragen habe. Ich habe ihn nie geöffnet, aber fast jedes Mal beim Parkieren kam er mir in den Sinn. Im Sack drin ist auch der damalig neue, zwar nicht teure, dafür wunderschöne schwarze Mantel mit der Kantonswappen-Stecknadel am Kragen, welche ich zwei Tage vor der Landammannfeier bei der Vereidigung bekommen habe. Ich werde alles in den Kehrichtsack stopfen und draussen in den Container werfen. Weg mit den Erinnerungen, weg mit dem Gift. Detox, auf ewig.

Ich hoffe, ich zieh’s dieses Mal durch.