Game over für Werner De Schepper, den als «Tööpli» geouteten Ex-Blick-Chef. Was ja eigentlich gut ist. Nur wurde er diese Woche medial und auf den Sozialen Medien bereits hingerichtet. Geteert, gefedert und dann viergeteilt. Und das ohne Anhörung und Prozess. Wir sollten diese Art von Journalismus eigentlich hinter uns haben.

Es wurde publik, dass der Co-Chefredaktor der Schweizer Illustrierten, Werner De Schepper, ursprünglich Theologe, jahrelang Mitarbeiterinnen, Frauen auf niederer Hierarchiestufe, belästigt und befummelt haben soll. Das wird mit der Berichterstattung, losgetreten am Mittwoch vom «Tagesanzeiger», jetzt immerhin ein Ende haben.

Gut so. Er ist ja einer von vielen. Und zu viele von uns haben solche Erfahrungen mit Grabschern gemacht. Auch ich. In der Lehre. Und in einer Anstellung als Zwanzigjährige. Und dann später nochmals, in einem grossen Medienunternehmen. In letzterem Betrieb wussten alle Bescheid, fast alle meiner weiblichen Kolleginnen waren betroffen. Nur, niemand konnte was dagegen machen. Diejenigen, die ihm klarmachten, dass sie das nicht wollten, auch ich, akzeptierten dann eben die Stimmung um den Gefrierpunkt. Es gab niemanden, welcher ein offenes Ohr für diese «Frauenanliegen» gehabt hätte. Auch nicht mein direkter Vorgesetzter (männlich), obwohl auch er Bescheid wusste. Was wir gebraucht hätten, wäre eine neutrale Ansprechperson gewesen, eine Anlaufstelle im Grossbetrieb. So wie sie im Bundeshaus nun geschaffen wurde.

Opfer des eigenen Journalismus

Werner De Schepper war früher Chefredaktor des Revolverblattes Blick. Meine Beziehung zu Blick/Ringier ist ja etwas gestört, darum kam bei mir beim Lesen der Schlagzeile im ersten Moment Schadenfreude auf. Hats grad einen Eigenen erwischt, hä. Sind wir Opfer unseres eigenen miesen Journalismus geworden, hä.

Ich las weiter und realisierte, dass er eine Partnerin hat. Irène, eine Kollegin aus der Grünen Partei und Neo-Nationalrätin, welche – ausgerechnet – nach der widerlichen Blick/Ringier-Kampagne gegen Jonas Fricker ins Parlament nachrutschte. Spätestens als ich weiter unten las, dass seine neue Partnerschaft mit Irène bei ihm bezüglich seiner Belästigungen Besserung bewirkte (offenbar tat sie ihm gut), begann ich mir auszumalen, was da, an diesem Abend nach dem Tagi-Artikel, bei denen Zuhause los gewesen sein musste.

Ich überlegte mir ernsthaft, den beiden 1) die Adresse meiner Traumatherapeutin und 2) die Adresse des Psychoanalytikers Mario Gmür, welcher das Medienopfersyndrom untersuchte, zu schicken.

De Schepper nehme ich keineswegs in Schutz. Aber hier wurden doch wieder Grenzen überschritten. Die Blosstellung von Weinstein war nötig. Aber sind wir ehrlich: Solche Weinsteins sind überall. In jedem grösseren oder auch kleinen Betrieb hocken sie, diese Grüsel. Jeder von ihnen hätte eine Blosstellung verdient.

Haufenweise Medienopfer

Aber ist das der Weg? Sind diese medialen Saubannerzüge wirklich unser Niveau? Dass der «Blick» das so macht und keine Skrupel hat, Leben zu zerstören, wissen wir. Aber der «Tagesanzeiger»?

Alle kennen nun den Namen De Schepper. Aber ehrlich jetzt. Muss die ganze Schweiz diesen Namen kennen? Hätte es nicht gereicht, wenn durch Druck bei Ringier intern die Reissleine hätte gezogen werden können? Vielleicht hätte lediglich das Druckmachen im Männerbund keine Folgen gehabt, das ist sogar anzunehmen. Aber hätte man diese Sache nicht eleganter lösen können als mit fetten Lettern und einer medialen Hinrichtung? Vielleicht mit einer Besprechung in der Geschäftsleitung und der Option auf Öffentlichkeit?

Der «Tagesanzeiger» generiert mit der Veröffentlichung eines Namens ganz viel Leid und produziert Medienopfer. Nicht De Schepper tut mir leid. Aber seine Familie. Eltern, Kinder. Und vor allem seine Partnerin. Wie ist das erniedrigend. Ich hätte wirklich gehofft, dass wir was gelernt haben.

Aber eben, es wird so sein: In zwei Wochen wird wieder eine neue Sau durchs Dorf gejagt. Während betroffene Frauen es nicht eher wagen, über Übergriffe zu sprechen. Was wir wirklich bräuchten, wäre ein mutiges Handeln von Zeuginnen. Solidarität. Zivilcourage. Mit unkomplizierten Meldewegen, ohne Öffentlichkeit.

Dass man Betroffenen zuhört und sie ernst nimmt. Und ein Justizsystem, welchem man trauen kann, ohne dass man eine Retourkutsche von freigesprochenen Tätern befürchten muss. Was wir definitiv nicht brauchen, sind selbsternannte Richter an Redaktionstischen.